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Neuer Lesestoff

Die besten Bücher des Monats

Hier finden Sie den gut sortierten Lesestoff, den unsere Literaturredaktion empfiehlt.

Kulturredaktion
Aktualisiert am 22. Juni 2022

Geister sind auch nur Menschen

Katja Brunner. Edition spoken skript. Verlag der gesunde Menschenversand, Luzern 2021.
Sprechtexte
Foto: Keystone
Schmerz, Machtverhältnisse und Abgründe aller Art sind dann von besonderer Schönheit, wenn die Dramatikerin Katja Brunner ihnen eine Sprache gibt. «Keine davon bin ich geworden, bloss die Liegende, die ausweint, die von Zeit und Unrat kaputtgefransten Träume wegweint.» Man kann sich ihrer Sprachgewalt nicht entziehen, und ginge es nach Brunner, gäbe es vermutlich keine gesellschaftlichen Tabus mehr, denn alles kann erzählt werden, wenn man Katja Brunners Arbeit verfolgt. Ihre Sprache ist von rotziger Zartheit, sie spricht alles an, findet Bilder, die bleiben, und lässt uns vielleicht erst dann entkommen, wenn wir über drängende Fragen nachgedacht haben, ohne Antworten zu überhasten, und das Ungeklärte aushalten. Das ist ganz grosses Theater, und man möchte gerne für einen Tag im Kopf von Brunner wohnen. (zuk)
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Schmalz und Rebellion. Der deutsche Pop und seine Sprache

Jens Balzer. Duden-Verlag, 2022.
Sachbuch
Foto: Roland Owsnitzki
Kann man auf Deutsch über Sex singen? Geht es nach der Hamburger Band Tocotronic, dann ist dies unmöglich, wie man aus einem ihrer Songs weiss. Alles andere, was es über deutsche Pop- und Rock-Lyrics zu wissen gibt, erzählt der Autor und Kulturjournalist Jens Balzer in seinem Buch «Schmalz und Rebellion». Detailreich und unterhaltend spannt er den Bogen von den 50er-Jahren mit Caterina Valentes harmlosen Wortspielereien wie «Das ist der Popocatepetl-Twist / Bei dem Pepito alle Mädchen küsst» bis in die Gegenwart, wo Rapper wie Kollegah mit Reimen wie «Chabos wissen, wer der Babo ist / Attention mach bloss keine harakets / Bevor ich komm und dir deine Nase brech» Debatten auslösen. So spiegelt Balzers Buch über die Songtexte auch gesellschaftliche Veränderungen. (phz)
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Reise ohne Wiederkehr

David Diop. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Aufbau, Berlin 2022.
Roman
Foto: AFP
Der Autor, Sohn eines senegalesischen Vaters und einer französischen Mutter, lehrt an der Universität Pau (Südfrankreich) Literatur der Aufklärung und frankofone Literatur Afrikas. Herkunft und Interesse finden kongenial zusammen in seinem dritten Roman, der einen Botaniker des 18. Jahrhunderts auf Forschungsreise nach Senegal schickt. Dieser Michel Adanson hat tatsächlich existiert und einen Expeditionsbericht hinterlassen. Diop erfindet nun einen zweiten, geheimen Bericht, der von einer Liebe zu einer jungen schwarzen Frau erzählt, die sich, hier finden Vorurteile und unglückliche Verwicklungen zusammen, nicht ausleben lässt. Auch wenn diese Liebesgeschichte literarisch der schwächste Teil des Buches ist: Die Konfrontation eines Aufklärers, dessen Bewusstsein fortschrittlich und zugleich durch den Zeitgeist beschränkt ist, mit einer fremden, komplexen Welt (in der Sklaverei, als ein voreuropäisches Phänomen, auch unter Afrikanern praktiziert wird) ist ihm überzeugend gelungen. (ebl)
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Liebe ist gewaltig

Claudia Schumacher. DTV-Verlagsanstalt, 2022.
Roman
Foto: Roman Raacke
Familie Ehre lebt in einem reichen Vorort von Stuttgart. Die Eltern angesehene Anwälte, die Kinder alle wohlgeraten. Man liest Hegel, trägt Hugo-Boss-Anzüge, und wenn die Vorhänge zu sind, verdreht der Vater der Tochter das Handgelenk oder zieht extra Schuhe an, um dem Sohn gegen den Kopf zu treten. Die Mutter trägt auch im Sommer Designer-Rollkragenpullis, stopft den Kindern die Münder mit Streuselkuchen, nachdem der Vater zugeschlagen hat, und schweigt. Es ist das Grauen hinter gutbürgerlicher Fassade, von dem Claudia Schumacher erzählt. Ihre Protagonistin Juli fordert mit wachem Geist und wildem Herzen ein Ende der Gewalt, bis sie irgendwann zuschlägt – ins Gesicht der Mutter – und geht. Schumacher lässt ihre Protagonistin hadern, die Dämonen der Gewalt bezwingen, um die Deutungshoheit über ihr Leben zu gewinnen. Laut, unbestechlich und gleichzeitig zart und unterhaltsam. Die Sprache erinnert sowohl in Rhythmik wie Direktheit an Rap – jeder Satz ist gekonnt gesetzt, kein Moment wirkt konstruiert, die Handlung trägt bis zur letzten Seite. (zuk)
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Ein Zug voller Hoffnung

Viola Ardone. Bertelsmann, München 2022.
Roman
Foto: Leonardo Cendamo
Amerigo Speranza lebt in ärmlichen Verhältnissen in Süditalien, gerade ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Seine Mutter erzieht den 7-Jährigen allein, und manchmal muss er darum zum Lumpensammeln, damit die beiden einigermassen über die Runden kommen: «Nach ein paar Tagen war ich so müde, dass ich sogar die Schläge von der Lehrerin mit dem spitzen Kinn vermisst habe.» Schon von der ersten Seite an – die grosse Stärke dieses Romans – ist man mittendrin in Amerigos Gedankenwelt, auch dank kurzen und prägnanten Sätzen. Und man erlebt, wie er aufgrund einer wohltätigen Initiative der Kommunisten für ein Jahr lang zu einer besser situierten Familie im Norden Italiens eingeladen wird. Für die Mutter scheint dies die beste Lösung zu sein. Zusammen mit zig anderen Kindern besteigt er den Zug – vielleicht in Richtung eines besseren Lebens? Rund 100’000 Buben und Mädchen haben damals ein solches Schicksal erlitten, Viola Ardone, Journalistin und Geschichtslehrerin, hat dieses kaum bekannte Kapitel der italienischen Nachkriegszeit nun warmherzig thematisiert. Und mit einem versöhnlichen Ende versehen. (boe)
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Stolen Focus. Why You Can’t Pay Attention

Johann Hari. Bloomsbury, 2022. Derzeit nur auf Englisch verfügbar.
Sachbuch
Foto: Kathrin Baumbach
Der schweizerisch-britische Autor Johann Hari deckt in seinem Sachbuch «The Stolen Focus. Why You Can’t Pay Attention» auf, wer uns die Konzentrationsfähigkeit raubt und weshalb Multitasking sogar dumm macht. Der Verlust der Konzentration sei dabei nicht ein persönliches Problem jedes Einzelnen, so Hari, sondern eine gesellschaftliche Krise, welche die Funktionsfähigkeit von Öffentlichkeit und Demokratie infrage stelle. Haris zwölf Thesen, wie uns die Konzentrationskraft geraubt wird, zielen zwar vorrangig auf Digitalisierung, Smartphone, soziale Netzwerke und Notifications-Tsunamis – aber nicht nur. Hari argumentiert, dass die Gesellschaft ihre Aufmerksamkeitskrise politisch und gesellschaftlich anpacken müsse, sonst drohe ein Jahrhundertproblem. Dazu gehören seiner Meinung nach gesetzliche Vorschriften und Regulierungen für die Aufmerksamkeitsvernichter, für Firmen wie Meta oder Google. Dazu gehörten aber ebenso Massnahmen jedes Einzelnen, etwa genug Schlaf oder eine gesunde Ernährung. (mma)
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Hotel der Zuversicht

Michael Fehr. Verlag der gesunde Menschenversand, Luzern 2022.
Erzählungen
Foto: Franco Tettamanti
Da stürzt ein Professor, der immer mehr schrumpft, vom 77. Stock eines Hochhauses in ein Weinglas. Völlig normal für die Geschichten, die Michael Fehr schreibt. Oder die Frau, die leider nicht heiraten kann, weil sie sich bereits mit ihrer Katze verlobt hat. Und selbstverständlich wird eine Firma nach dem Tod des Chefs von drei Hunden übernommen. «Hotel der Zuversicht» sind die neuen Erzählungen des Berner Schriftstellers, der genauso hinreissend den Blues singt, wie er erzählt. Wo ein Mikrofon ist, macht Michael Fehr Kunst. Charmant, einnehmend und immer kurz vor der Verzweiflung dann doch noch ein bisschen Trost, aber nur, bis die nächste Szene ins Groteske kippt, alles verdreht wird und im fehrschen Universum Sinn ergibt. Nach dem Lesen möchte man erst einmal lange nichts anderes mehr lesen, weil man auf schönste Art nicht mehr weiss, wie einem geschehen ist. (zuk)
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Who Cares! Von der Freiheit, eine Frau zu sein

Mirna Funk. DTV-Verlag, München 2022.
Essays
Foto: Marcus Witte
Sechs Essays und gut 100 Seiten umfasst das neue Buch von Autorin und Journalistin Mirna Funk. Die Botschaft, die sich im schmalen Sachbuch der (in feministischen Kreisen immer wieder kritisierten) Deutschen findet: Wenn eine Frau nicht finanziell unabhängig ist von einem Mann, ist sie nicht frei und kann es nie sein – in keinem Lebensbereich. In den sozialen Medien wird Funk für diese Direktheit gefeiert, zahlreiche Frauen bedankten sich bei ihr für ihre klaren Worte. So stark diese sind, so verkürzt sind leider teilweise Funks Argumentationen. In Interviews zu ihrem Buch und Gleichstellungsthemen ist Funk weitaus differenzierter. Eine Lektüre von «Who Cares!» lohnt sich trotzdem, denn nie kann man – oder eben frau – genug betonen, welch zentrale Rolle finanzielle Unabhängigkeit für die Gleichstellung spielt. (aho)
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Afghanistan. Unbesiegter Verlierer

Natalie Amiri. Aufbau-Verlag, Berlin 2022.
Sachbuch
Foto: Johannes Moths
Der 15. August 2021 bildet im Leben zahlreicher – wenn nicht aller – Afghaninnen und Afghanen eine Zäsur. An diesem Tag übernahmen die Taliban die Macht. Erneut. Die deutsche Journalistin und Nahost-Expertin Natalie Amiri erklärt in ihrem Buch, wie es so weit kommen konnte. Sie schreibt anschaulich über die Geschichte des Landes, die Rolle der Frau und jene des Westens. Vor allem aber beschreibt Amiri eindrücklich, in welchem Zustand sich das Land nach 100 Tagen Taliban-Regime befindet. Sie reiste nach Kabul und durch das Land, sprach mit Frauenrechtlerinnen und ehemaligen Profisportlerinnen genauso wie mit hohen Taliban-Vertretern. Über mehrere Seiten sind zudem Auszüge aus Mails und Nachrichten zwischen den deutschen Behörden und Amiri abgedruckt, in denen die Journalistin alles versucht, um Afghaninnen aus Kabul in Sicherheit zu bringen. Das Buch ist ein eindrückliches und erschütterndes Zeugnis dafür, dass zwar der mediale Fokus aktuell nicht mehr auf Afghanistan ist, die Lage aber keineswegs besser als vergangenen Sommer – im Gegenteil. (aho)
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Martin Walser. Der Romantiker vom Bodensee

Jochen Hieber. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2022.
Betrachtung
Foto: Getty Images
Dies ist keine klassische Biografie (die gibt es schon, ganz hervorragend, von Jörg Magenau), sondern eine Betrachtung des politisch engagierten Zeitgenossen Martin Walser und seiner Wahrnehmung im öffentlichen Diskurs. Walser hat sich schon früh zu gesellschaftlichen Entwicklungen positioniert, unzeitgemäss in den 1960er-Jahren wie um die Jahrtausendwende. Was von aussen wie ein Schlingerkurs wirken konnte, zeigt erstaunliche Kontinuität, wie Hieber herausarbeitet. Der langjährige FAZ-Redaktor geht souverän mit dem ausufernden Material um, fasst und rafft den Stoff geschickt und bündelt ihn dann thematisch. Ein Glanzstück ist die Darstellung der beiden grossen «Skandale» um die Paulskirchenrede und den Roman «Tod eines Kritikers». Hieber, nahe dran an seinem Forschungsobjekt, wahrt dennoch die nötige kritische Distanz, ordnet ein, urteilt fair, übt gegenüber allen Beteiligten Gerechtigkeit – und er findet auch im schwachen Alterswerk eigene Qualitäten. Für Walser-Kenner ein Genuss, für Walser-Ignoranten ein Augenöffner: ein glänzendes Beispiel für Literaturkritik auf der Langstrecke. (ebl)
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Opus 77

Alexis Ragougneau. Aus dem Französischen von Brigitte Grosse. Unionsverlag, Zürich 2022.
Roman
Foto: AFP
Opus 77 bezeichnet das erste Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch, der Komponist schrieb es in bedrängter Lage in den 1940er-Jahren. Der französische Schriftsteller Alexis Ragougneau macht es zum Schlüsselwerk im Psychodrama einer Musikerfamilie. David, der hochbegabte Sohn, scheitert als Geiger zweimal mit dem Stück; Ariane, Pianistin und Icherzählerin, spielt es – beziehungsweise den Klavierauszug ohne Solisten, was so merkwürdig wie unwahrscheinlich ist – bei der Trauerfeier ihres despotischen Vaters. Ragougneau, der mit Theaterstücken und Krimis hervorgetreten ist, gelingt es nicht wirklich, die der Musik und dem Leben derer, die sich ihr auf höchstem Niveau verschrieben haben, innewohnende Dramatik kongenial in Sprache umzusetzen. Immerhin, für Schweizer Leser interessant: Grosse Teile des Werks spielen in der Schweiz, nämlich in der Genfer Kathedrale und in einem zum Rückzugsort umgewidmeten Bunker in den Walliser Bergen. (ebl)
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Wie schreibe ich einen Song?

Jeff Tweedy. Wilhelm-Heyne-Verlag, München 2022.
Sachbuch
Foto: Getty Images
Jeder Melodiefetzen ist wertvoll, jede Zeile – womöglich – Gold wert. Dies lernt man bei der Lektüre von Jeff Tweedys Sachbuch schnell. Der Musiker hat sich einen Namen gemacht als Sänger, Gitarrist und Songwriter der Band Wilco – und tatsächlich: Mit jeder Seite steigt die Lust, selber den Kugelschreiber (oder wie er zugibt: das Handy) in die Hand zu nehmen und Beobachtungen zu skizzieren, schöne Wörter zu sammeln, Lieder von anderen Bands zu covern und weiterzuentwickeln. Tweedy liefert nicht nur konkrete Übungen für die Liederschreiberei («Cut-up-Techniken»), sondern nennt auch Klippen, die man umschiffen sollte: …Mich treiben Reime in den Wahnsinn, die bereits aus einer Meile Entfernung zu riechen sind.» Überzeugend stellt er dar, dass jeder einen Song hinkriegt. Es muss ja nicht gleich der Hit für die Ewigkeit sein… Und was das schmale Bändchen aber auch für Nichtmusiker attraktiv macht: All die Kreativ- und Schreibtricks, die Jeff Tweedy aufzeigt, helfen garantiert auch bei anderen Textsorten. Seien es ganze Zeitungsartikel oder Werbeslogans oder vielleicht sogar schöne Briefe. (boe)
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